Mit dem Tretboot über den Löschteich
Ich bin lange nicht hier gewesen. Im Café Schneidewind. Mit Blick auf die Hauptallee. Das Casino. Das Schloss dahinter.
Du sitzt schon da. Die Hände gefaltet.
Den Kopf gesenkt.
Wie geht es dir, frage ich.
Gut, behauptest du.
Du siehst mich an und wieder weg. Deine
Lippen sind farblos. Umrahmt von einem Kranz Fältchen. Du wirkst gehetzt.
Älter.
Ich bestelle Kaffee Sahne, Zwetschgenkuchen
dazu. Du nicht.
Und du, wie geht es dir, willst du
wissen.
Ich erzähle von Portugal, wo ich als
Schriftstellerin lebe.
Ach, du hast es gewagt?
Was? Auszuwandern?
Nein. Schreiben.
Mit dem Finger nasche ich Sahne. War? Ist?
Schreiben ein Wagnis? Frage ich mich. Ein Himmelfahrtskommando bestimmt. Natürlich
gab es ein Leben vor dem Stift. Das leugne ich nicht. Es war anders. Verirrt
habe ich mich im Tunnel der Banalitäten, auf der Suche nach Vernunft, nach
Geltung, nach, ach, ich weiß gar nicht wonach. Nach Vergänglichem. Um über das
andere, das Nicht-Gesagte, Nicht-Gelebte, Nicht-Geträumte, über das
Unvergängliche nicht nachdenken zu müssen. Weiterzumachen, als sei alles gut,
war so viel einfacher.
Mein Irrtum rächte sich. Ich passte
nicht hinein in die Komfortzonenschablone. Ich bin nicht konventionell.
Handzahm schon gar nicht.
Während des Hinabsinkens in die innere
Verwundung verabschiedete meine innere Rebellin sich. Verraten fühlte sie sich.
Kein Wunder. Ich verschwendete meine Lebenszeit an einen von Anfang an zum
Scheitern verurteilten Versuch eines Lebensmodells, der nie für mich bestimmt
war. Den Notausgang durch die Tür den Flur zurück in meinen Lebenstraum, tja,
den kannte ich aber nicht. Zu jung, zu blauäugig, zu…, zum Kuckuck was, feige
war ich, sag es ruhig, gib es zu. Schiss hatte ich. Etwas, gar mich zu ändern.
Eine Gebrauchsanweisung für mein
falsches Leben gab es keine, für den Rückwärtsgang Richtung Neuanfang erst
recht nicht. Von wegen kehren Sie zurück auf null. Biegen Sie nirgends ab.
Gehen Sie nicht weiter. Das Drehbuch für mich gab es noch nicht. Das musste ich
mir selbst ausdenken. Allein. Ganz allein. Und mit jedem Zweifel kämpfen.
Der Zwetschgenkuchen. Er schmeckt nicht
mehr. Die Sahne auf dem Kaffee fällt zusammen. Beides schiebe ich von mir. Hebe
den Blick. Wie du da sitzt, deine Finger verschränkst. Deine Oberarme gegen
deinen Torso presst.
Ich weiß, dass du nicht mehr das Kind
bist, das einst über Wiesen gerannt ist, auf Bäume kletterte, die süßesten
Kirchen stibitzte. Ich weiß, dass du nicht Kapitänin geworden bist, du, die ihr
Leben auf See verbringen wollte, vogelfrei, mit einem Papageien als Gefährte,
nichts als Gischt und Wind im Gesicht. Zur See fährst du nie mehr, höchstens
noch mit dem Tretboot über den Löschteich, frei bist du erst, wenn du es sein
willst.
Du wendest den Kopf. Du schaust an mir
vorbei in den Spiegel an der Wand. Die Frau, die dich ansieht, bist du nicht. Dein
Herz friert. Du frierst. Die Strophe aus einem Wiegenlied aus fernen Tagen echot
noch diffus in deinem Ohr, doch das Kind bleibt sprachlos. Das Kind bist du.
Das Kuchengedeck, den Kaffee, bezahle
ich, lasse beides stehen. Ich flüchte nach Hause, greife zu Papier und Stift - und
notiere: Schreiben ist nicht das eigentliche Wagnis, die Rückkehr in die
Wirklichkeit der anderen ist es. Doch wo exakt bin ich. Bin ich hier? Jetzt? In
meinem Büro. Oder doch im Café? Hinter einer nicht vorhandenen Scheibe, hinter
der die Gedanken anderer nicht meine sind. Hinter der die Worte aus den Mündern
anderer mich erschrecken. Zuviel Geplapper, zu wenig Sinn. Zuviel geredet,
dennoch nichts gesagt.
Worte purzeln aus mir heraus. Eine Gedankenwanderin bin ich. Mehr nicht.