7. Januar 2024

 Mit dem Tretboot über den Löschteich

Ich bin lange nicht hier gewesen. Im Café Schneidewind. Mit Blick auf die Hauptallee. Das Casino. Das Schloss dahinter.

Du sitzt schon da. Die Hände gefaltet. Den Kopf gesenkt.

Wie geht es dir, frage ich.

Gut, behauptest du.

Du siehst mich an und wieder weg. Deine Lippen sind farblos. Umrahmt von einem Kranz Fältchen. Du wirkst gehetzt. Älter.

Ich bestelle Kaffee Sahne, Zwetschgenkuchen dazu. Du nicht.

Und du, wie geht es dir, willst du wissen.

Ich erzähle von Portugal, wo ich als Schriftstellerin lebe.

Ach, du hast es gewagt?

Was? Auszuwandern?

Nein. Schreiben.

Mit dem Finger nasche ich Sahne. War? Ist? Schreiben ein Wagnis? Frage ich mich. Ein Himmelfahrtskommando bestimmt. Natürlich gab es ein Leben vor dem Stift. Das leugne ich nicht. Es war anders. Verirrt habe ich mich im Tunnel der Banalitäten, auf der Suche nach Vernunft, nach Geltung, nach, ach, ich weiß gar nicht wonach. Nach Vergänglichem. Um über das andere, das Nicht-Gesagte, Nicht-Gelebte, Nicht-Geträumte, über das Unvergängliche nicht nachdenken zu müssen. Weiterzumachen, als sei alles gut, war so viel einfacher.

Mein Irrtum rächte sich. Ich passte nicht hinein in die Komfortzonenschablone. Ich bin nicht konventionell. Handzahm schon gar nicht.

Während des Hinabsinkens in die innere Verwundung verabschiedete meine innere Rebellin sich. Verraten fühlte sie sich. Kein Wunder. Ich verschwendete meine Lebenszeit an einen von Anfang an zum Scheitern verurteilten Versuch eines Lebensmodells, der nie für mich bestimmt war. Den Notausgang durch die Tür den Flur zurück in meinen Lebenstraum, tja, den kannte ich aber nicht. Zu jung, zu blauäugig, zu…, zum Kuckuck was, feige war ich, sag es ruhig, gib es zu. Schiss hatte ich. Etwas, gar mich zu ändern.

Eine Gebrauchsanweisung für mein falsches Leben gab es keine, für den Rückwärtsgang Richtung Neuanfang erst recht nicht. Von wegen kehren Sie zurück auf null. Biegen Sie nirgends ab. Gehen Sie nicht weiter. Das Drehbuch für mich gab es noch nicht. Das musste ich mir selbst ausdenken. Allein. Ganz allein. Und mit jedem Zweifel kämpfen.

Der Zwetschgenkuchen. Er schmeckt nicht mehr. Die Sahne auf dem Kaffee fällt zusammen. Beides schiebe ich von mir. Hebe den Blick. Wie du da sitzt, deine Finger verschränkst. Deine Oberarme gegen deinen Torso presst.

Ich weiß, dass du nicht mehr das Kind bist, das einst über Wiesen gerannt ist, auf Bäume kletterte, die süßesten Kirchen stibitzte. Ich weiß, dass du nicht Kapitänin geworden bist, du, die ihr Leben auf See verbringen wollte, vogelfrei, mit einem Papageien als Gefährte, nichts als Gischt und Wind im Gesicht. Zur See fährst du nie mehr, höchstens noch mit dem Tretboot über den Löschteich, frei bist du erst, wenn du es sein willst.

Du wendest den Kopf. Du schaust an mir vorbei in den Spiegel an der Wand. Die Frau, die dich ansieht, bist du nicht. Dein Herz friert. Du frierst. Die Strophe aus einem Wiegenlied aus fernen Tagen echot noch diffus in deinem Ohr, doch das Kind bleibt sprachlos. Das Kind bist du.

Das Kuchengedeck, den Kaffee, bezahle ich, lasse beides stehen. Ich flüchte nach Hause, greife zu Papier und Stift - und notiere: Schreiben ist nicht das eigentliche Wagnis, die Rückkehr in die Wirklichkeit der anderen ist es. Doch wo exakt bin ich. Bin ich hier? Jetzt? In meinem Büro. Oder doch im Café? Hinter einer nicht vorhandenen Scheibe, hinter der die Gedanken anderer nicht meine sind. Hinter der die Worte aus den Mündern anderer mich erschrecken. Zuviel Geplapper, zu wenig Sinn. Zuviel geredet, dennoch nichts gesagt.

Worte purzeln aus mir heraus. Eine Gedankenwanderin bin ich. Mehr nicht.