Das portugiesische Viertelstündchen
Seit 25 Jahren bin ich daran gewöhnt, dass in Portugal die Uhr ein bisschen anders läuft als in deutschen Landen. Deswegen reagiere ich stets beinahe erschreckt, falls Verabredungen pünktlich eingehalten werden. Die können präsent, telefonisch, oder per Videokonferenz vereinbart sein, es ist davon auszugehen, dass es später wird. Mindestens fünfzehn Minuten später.
Zurückzuführen ist das portugiesische, andere nennen es das akademische Viertelstündchen auf einen Glockenturm in einer uralten Universität, der auch Zicke genannt wird.
Die dort diensthabenden Glöckler wussten nämlich bereits über das winzige Verspätungslein Bescheid, da lehrten noch Jesuiten-Padres in Portugal die Studentenschaft - und haben deswegen die Uhrzeit des Glockenspiels kurzerhand geändert.
Anstatt mit Glockenschlag um acht Uhr zum Studium zu rufen, dröhnt die Glocke der sogenannten Zicke schon um 7.45 Uhr, denn so war mais ou menos ein pünktliches Erscheinen um acht Uhr seitens der Studentenschaft garantiert
8. Januar, 10 Uhr, Notariat. Ein Immobilienverkauf soll notariell beurkundet werden. Anwesend, der Käufer, der Kaufvermittler, die Übersetzerin, die Notarin, die Beisitzerin. Nicht anwesend; die Verkäufer.
Es wird 10.15 Uhr, die Übersetzerin schlägt dem Kaufvermittler vor, anzurufen. Anstatt Rückruf eine Nachricht, vor 10.30 Uhr schafft man es nicht.
Die Notarin konstatiert, der nächste Kunde kommt um 10.30 Uhr.
Die Übersetzerin konstatiert, sie habe ab 11 Uhr andere Termine.
10.48 Uhr, desculpem, es weht das Verkäuferehepaar herein.
Notarin zieht die Mundwinkel noch mehr nach unten, sagt, schon gut, Frau Doktor, obwohl die nachfolgenden Kunden ebenfalls mit heruntergezogenen Mundwinkeln bereits pünktlich erschienen, da sitzen.
Kaufvermittler sagt nichts, Käufer fragt Übersetzerin, warum die Verkäufer sich derart verspätet haben, ob sie aus Lissabon kommen.
Nein, aus dem Vorort.
Übersetzerin stellt die Verspätung fest und konstatiert an die Ehefrau, dass ihre Verabredungen jetzt wegen der Verspätung der Verkäufer auch alle warten müssten und die mit denen verabredet sind, ebenfalls.
Sie seien wegen ihrem Mann so spät gekommen.
Übersetzerin wendet sich an den Gatten mit der gleichen Feststellung.
Keine Antwort, finsterer Blick.
Finsterer Blick seitens der Notarkunden um 10.30 Uhr.
Ausweise der Verkäufer bitte.
Oh, die sind im Auto.
11.02 Uhr. Die Beurkundung beginnt.
Tja, so ist das, wenn nirgends eine Zicke mit einem pfiffigen Glöckler in der Nähe steht.
