11. Januar 2024

Maria-José

 Maria-José und der portugiesische Winter

Als ich 1999 in meinem Dorf gestrandet bin, habe ich mich beinahe täglich wieder gefragt warum. Die Antwort ließ neun Jahre auf sich warten, doch dazu einmal an anderer Stelle.
Die Suche nach einem Mietobjekt in einem vom Tourismus überlaufenen Fleckchen Erde stellte sich als schwieriger als geahnt heraus, neben Zeitungsannoncen, ja, so etwas gab es einmal, hängte ich Zettel in Supermärkten an das Schwarze Brett, auch das gab es einmal, und fragte aus einem Impuls die Wirtin Bernadette im damaligen Dorf Café Alberto, ob ihr etwas einfiele.

Noch kein Mobiltelefon in der Tasche, war das Zusammentreffen etwas komplizierter, aber es klappte mit Verabredung im Café Alberto, am Nachmittag, zwischen meinen beiden Schichten in der Restaurantküche. 
Maria-José und ich trafen uns und beäugten uns bei einem cafézinho. Kein Wort englisch sprach sie, und ich bloß erst spanisch.
Was ich arbeite, wollte sie wissen.
- Cocineira, sagte ich.
- Ah, cozinheira, sagte sie. Verheiratet?
- Nein, aber ich habe einen perro.
- Einen was?
- Perro, wau, wau.
- ah. Einen cão, wou, wou,
- Si,si-
- Tá bém.
Wir gingen los in die casa, das ihr und ihrer Schwester gehörte. Ich stellte ihr Sheera, meinen perro vor.
Maria-José zeigte mir die Küche, den Flur und drei winzige Zimmer, vollgeräumt mit Mobiliar, Plüsch, Figürchen und Spitzendecke über das Bett ausgeworfen.
Die hob sie hoch, zwinkerte mir zu.
Ich bückte mich, aha, das Bügelbrett. Unter dem Bett verstaut. Ich lächelte. Gut gelöst.
Im Hof, die Waschmaschine. Ein halb modernes Modell, mit zwei Waschgängen und die Handwaschmaschine, grinste Maria-José.
Das Beton-Waschbrett-Becken, das ich im Laufe der folgenden Jahre sehr zu schätzen wusste, denn es eignete sich hervorragend für Schürzen mit Kernseife wieder weiß waschen - und zum Fisch putzen.
Was ich Maria-José natürlich nie verraten habe.
An den Fenster gab es Rollos.
Eher zur Optik als zum Nutzen, denn die Hauswände in Portugals Häusern sind so dünn, dass man sowieso das Gefühl erfährt, als sitze man auf der Straße.
Im Sommer sind Rollos prima, damit lässt sich die Hitze aussperren, aber im Winter nutzen sie genauso wenig gegen Kälte und Feuchtigkeit, wie gegen Lärm.
An den Fliesen in der Küche bildete sich ein feuchter Film, sobald der erste Regen kam und an sonnigen Tagen war es im Haus kälter als draußen.
Maria-José, was ist mit Heizung, fragte ich freundlich.
- Heizung ist etwas für Touristen. Wir hier haben keine Heizung, wir halten infernalische Sommer und kaltfeuchte Winter aus. Geh` einfach früher ins Bett und zieh dir einen Pullover mehr an.
Meine Lektion zum portugiesischen Winter.
Was soll ich sagen. Natürlich heize ich in meinem mittlerweile anderen Häuschen im Winter mit Holz oder mit Rollöfchen, aber die Angewohnheit von damals ist mir geblieben, früher ins Bett gehe ich, und ziehe mir einen Pullover mehr an als sonst.
Es wirkt.
Maria-José war eine meine ersten portugiesischen Begegnungen, wir sind uns all die Jahre bis heute weiter freundschaftlich vertraut verbunden geblieben.
Von Maria-José habe ich noch viele andere echt portugiesische Eigenheiten gelernt, wie man den Schniepel an den Bohnen wegschnippt, wie man Stöckermakrelen mariniert, oder in welches Gericht Petersilie, und in welches Koriander gehört.
Wunderbare nützliche Lebensweisheiten aus meiner Wahlheimat. 
Obrigada, Maria-José.